Testskript

1.X-tended : Die Kunstmaschine

Von Menschen, Maschinen, Avataren und anderen interessanten Rechenoperationen
[2007]

Ausstellungstitel und Auswahl der Kunstwerke/Künstler umreißen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – exemplarisch ein breites Feld von Medienkunst und visualisieren gleichzeitig unser Bekenntnis zur unverblümten Lust an der Visualisierung hybrider Welten (Kunst und Technik) und unsere Vorliebe zur kunsthistorischen/-theoretischen Provokation.

Wir favorisieren in dieser ersten Ausstellung aus einer Serie vorwiegend Werke, deren audiovisuell-ästhetisches und inhaltliches Erscheinungsbild von den Künstlern selbst streng definiert und deren medienreflexiver Gehalt oder die darin transportierte Medien-/Gesellschaftskritik in einer künstlerisch sehr stringenten Form realisiert wurden (im Gegensatz zu Arbeiten, bei denen der Rezipient/Konsument, der Zufall oder die Technik als Kreatoren von Kunst funktionieren).

Wir präsentieren in dieser Ausstellung ganz bewusst die Ergebnisse systematischer Konstruktion von Kunst, zeigen »multimediale« vergessene sowie hochkarätig anerkannte Werke in Kombination mit brandaktuellen, neuen Tendenzen sowie pointierten Randbereichen von Medienkunst und stellen diesen Kunst-Mix außerhalb der Schutzzone von »Kunstreservaten« einer öffentlichen Diskussion.

Der Transfer von Kunst aus der Atmosphäre des anerkannten musealen Ambientes in öffentlich zugängliche kulturelle »Null-Räume« bringt enorme Herausforderungen für Künstler und Aussteller mit sich. Bestimmen doch markt und sozialpolitische Komponenten oft die Auswahl von Kunst und Künstlern (Marken/Ranking) und wird doch der Erfolg einer Präsentation immer öfter an der Größe des erreichten und reagierenden Zielpublikums gemessen.
Quantität schlägt Qualität – im Reich der Kunstavantgarde eine besonders vernichtende Konsequenz populistischer kulturpolitischer Entscheidungsfindung.

Bei der Vermittlung von Kunst im kulturellen Null-Raum handelt es sich daher nicht allein um das Problem der Information beziehungsweise der Organisation des Informationsflusses – dieser Bereich wird von uns umfassend auf der Projektwebsite abgedeckt – sondern um die Tatsache, dass »Erfolg versprechende« Unternehmungen noch immer auf die traditionelle Kunstvermittlung durch eingeführte Printmedien und an bestimmte Locations und ihren bereits erworbenen gesellschaftlich-kulturellen Status angewiesen sind.

Das Produkt Kunst – interessante ästhetische Theorien oder innovative Ideen – bezieht in marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften ihren kulturell anerkannten künstlerischen Mehrwert nicht aus seinem »Sein« an sich, sondern aus dem Phänomen gesellschaftsorientierter Spiegelung und findet daher nur in Kunstinstitutionen wie Museen, bekannten Galerien, großen Ausstellungsevents und Kunstzeitschriften den notwendigen einflussreichen institutionellen und damit nennenswerten wirtschaftlichen »Support«.

Beide Schienen dieses institutionalisierten Rahmensupports fehlen in Neulengbach noch gänzlich.

Die Kunstmaschine

Über diese externen Schwierigkeiten hinaus haben wir mit dem Stadtkeller und den Zellen des Egon-Schiele-Museums von Neulengbach keinen klassischen »White Cube«, keine neutrale »Black Box« mit freien innenarchitektonischen Gestaltungsmöglichkeiten, sondern gewölbte Räume mit sehr strukturierten Wandoberflächen und damit ästhetisch prägende, aber sehr interessante Vorgaben.

Dieses als historisch zu bezeichnende Raum-Dilemma in Kombination mit unserem persönlichen Präsentationsanspruch zwingt uns fast wie von selbst in ein exzentrisches, sehr aufwendiges Ausstellungsgestaltungskonzept.

Die Ausstellung »1.X-tended« versteht sich nicht als exemplarische Anhäufung von Einzelwerken, besonderen Markern der Medienkunst, sondern – ganz im Sinn von Projektkunst – selbst als Visualisierung eines Netzwerks ästhetischer Ideen und künstlerischer Konzepte, als eine »Kunstmaschine« der besonderen Art, welche die homogene Verbindung zwischen technischer Realisation, Gestaltung und den zu vermittelnden unterschiedlichen audiovisuellen Inhalten schaffen soll.

Als Erfüllung dieser selbst gestellten Qualitätsvorgaben konstruieren und bauen wir in die Räume ein funktionales, aber dennoch minimalistisch ausgelegtes, mehrteiliges Trägerskelett aus Aluminium, das einerseits die notwendigen technischen Gerätschaften und Verkabelungen trägt, andererseits die Raumdimensionen so verändert und strukturiert, dass die künstlerischen Arbeiten in einer bewussten ästhetischen Anordnung getrennt aber auch als Teile eines Gesamtzusammenhangs wahrgenommen werden können und das darüber hinaus, systematisch-konstruktiv, selbst eine eigenständige Objektkategorie mit pulsierendem Blutkreislauf aus Verkabelungen und audiovisuellen Datenströmen – Manifestationen eines technisch orientierten Zeitgeists – und unseren persönlichen Flirt mit der Idee der Technik materialisiert.
GRAF+ZYX © 2007 

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