Testskript

schiele und die grenzen der zeit

[2006]

kritiker könnten natürlich kühn behaupten: ein dorf will sich in szene setzen, um jeden preis, und sei es nur mit der »historisch peinlichen tatsache«, dass in dieser für die kunst- und geisteswelt so unbedeutenden region egon schiele – der heute weltweit als »bahnbrecher der österreichischen moderne« gehandelt wird – im jahr 1912 für drei wochen im zellentrakt von neulengbach eingesessen hat.
der offizielle hintergrund zur inhaftierung und zur anklage sowie der ausgang dieses verfahrens sind hinlänglich bekannt und brauchen an dieser stelle nicht weiter behandelt zu werden. die historischen fakten können jederzeit durch einen besuch im zum museum umgewidmeten zellentrakt des ehemaligen gefängnisses von neulengbach nachgelesen werden.

was aber allgemein bei dieser spöttischen betrachtung übergangen wird ist, dass schiele, der anfang des 20. jahrhunderts künstlerisch vorwiegend im wiener umkreis tätig war, zu seiner zeit weder weltberühmt war noch einen hohen marktwert hatte. schiele war 1911/12 ein unbedeutender österreichischer künstler und arm und erst ein jahr später, nämlich 1913, in der 43. ausstellung der secession, die erstmals auf die förderung noch jüngerer, weitgehendst unbekannter österreichischer künstler ausgerichtet war, findet sich schiele als mitausstellender unter 81 künstlerkollegen wieder.
»… zwei gemälde mit herbstlichen bäumen und vier zeichnungen hatte schiele eingesandt, …«1 und mit dieser ausstellungsteilnahme hatte er überhaupt erst seinen ersten schritt in die damals bedeutende wiener kunstwelt rund um die wiener secession getan.

schiele in neulengbach ist also nicht ident mit dem schiele, den wir aus unseren geschichtsbüchern kennen. der egon schiele von 1912 ist ein armer schlucker, ein spinner und ein noch gesellschaftlich unbedeutender 22-jähriger maler von zweifelhafter moral und unter diesem aspekt muss man die misstrauische beobachtung und das rigide handeln der neulengbacher bevölkerung und der »ortsgewalt« sehen. und wenn damals schon insider der kunstwelt schieles werk als nicht für gerade außerordentlich förderungswürdig hielten, wie könnte man diesen visionären kulturellen weitblick von einer kleinen, geschlossenen, ländlichen ortsgemeinschaft fordern.
aber gerade die position des moralisch anrüchigen außenseiters übte – und tut dies in manchen fällen auch heute noch – im gegensatz zur kollektiven ablehnung einer geschlossenen gesellschaft eine faszination auf personen aus, deren interesse an der umwelt noch von ihrer neugierde auf alles »verbotene« gelenkt und deren denken noch nicht vom regelwerk der sozietät in die alltägliche norm einer doppelmoral gezähmt wurde, und aus dem spannungsverhältnis dieser gruppendynamischen realität und dem sich zur jugendlichen unschuld hingezogen fühlen des künstlers bzw. seiner künstlerischen urentscheidung, seiner erotischen vorliebe in perfekt komponierten zeichnungen ausdruck zu verleihen, erhält der boden des konflikts von 1912 sein nährendes substrat und so kommt es – von shakespearehaft anmutenden aktionen aller beteiligten begleitet – zum historisch bekannten eklat.
1 christian m. nebehay, egon schiele, 1980–1918. leben, briefe, gedichte, wien 1979, 244 (437–440).
© tamara star|r|

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